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Digitalität, Technologie, epistemische Verschiebung

Univ.-Prof. Dr. phil. Vera Bühlmann (TU Wien)

Originalsprache: Deutsch. Die englische Fassung wurde mithilfe von KI übersetzt.

Digitalität, Technologie, epistemische Verschiebung

Prof. Dr. Vera Bühlmann
TU Wien
17. Juni 2026 · 11:00 Uhr

Symposium „Entwerfen. KI und andere kulturelle Protagonisten.“ · AMD Düsseldorf.

Thesen

Der Welten Vormund – Dimensionen einer daedalisch-custodialen Architektur

Heute beginnt die Figur des Vormunds sich eigentümlich zu verdoppeln. Auf der einen Seite treten KI-Systeme zunehmend als prothetische Vormünder entmüdigter Subjekte auf: Sie organisieren Aufmerksamkeit, antizipieren Entscheidungen, glätten Komplexität und übernehmen jene Orientierungsleistungen, die einst Urteilskraft, Gedächtnis oder Erfahrung verlangten. Die Gefahr liegt dabei nicht allein in Kontrolle, sondern in einer schleichenden Entwöhnung von Weltfähigkeit selbst — einer Reduktion des Entwerfens auf Navigation durch bereits berechnete Möglichkeiten. Auf der anderen Seite erscheint gerade deshalb die ältere Figur des daedalischen Custos neu: der Architekt, Generalist oder Intellektuelle als Hüter der Bewohnbarkeit von Welt. Nicht als souveräner Meister, sondern als Vormund im ursprünglicheren Sinn — einer, der Übergänge schützt, Artikulationsräume offen hält und verhindert, dass die Welt entweder in unlesbare Komplexität oder in vollständig verwaltete Transparenz zerfällt.

Die Daedali opera bezeichnen weder Werke eines souveränen Subjekts noch Eigenschaften stabiler Objekte, sondern Formen eines zirkulierenden Intellekts, der sich in Artikulationen, Übergängen und Verfahrensweisen verkörpert. Das Daedalische ist keine Innerlichkeit, die sich expressiv nach außen mitteilt, sondern eine metis: eine listenreiche, operative Intelligenz, die nicht besitzt, sondern navigiert, nicht herrscht, sondern Wege durch komplexe Lagen eröffnet. Als Kopfgeburt ist sie eigentümlich unlokalisierbar — weder bloß individuell noch vollständig kollektiv, weder rein technisch noch rein symbolisch. Ihr Stil besteht daher nicht in subjektiver Signatur oder persönlichem Ausdruck, sondern in der Weise, wie Relationen gefaltet, Bewegungen geführt und Orientierungen ermöglicht werden. Zugleich erhebt das Daedalische keinen Anspruch auf objektive Totalität oder endgültiges decorum: Es ordnet die Welt nicht aus einer absoluten Perspektive, sondern artikuliert stets situative Bewohnbarkeit innerhalb eines unabschließbaren Labyrinths von Bedingungen: Sein Maß ist nicht Wahrheit als Übersicht, sondern Traversierbarkeit als ethisch-technische Kunst.

Scholia zur daedalischen Dimension des Entwurfs

In daedalischer Hinsicht ist Architektur custodial, wenn sie nicht nur Nutzung organisiert, sondern Weltverhältnisse orientierbar erhält.

Der Custos ist verantwortlich für die Ethik der Passage.

Seine Kunst besteht darin, Komplexität so zu falten, dass sie Erfahrung hervorbringt statt bloßer Überforderung.

Der daedalische Custos schützt die Differenz zwischen Orientierung und Steuerung.

Wo alles unmittelbar lesbar werden soll, verteidigt der Custos das Recht der Welt auf Tiefe.

Wo alles unübersichtlich zu werden droht, verteidigt er die Möglichkeit des Zusammenhangs.

Der Custos ist kein Souverän des Raumes, sondern Hüter seiner Artikulationsfähigkeit.

Er baut keine bloßen Gebäude; er pflegt ökologische Bedingungen des Verstehens.

Der daedalische Custos weiß: Jede Architektur verteilt Aufmerksamkeit, Unsicherheit, Nähe und Distanz — und trägt dafür Verantwortung.

Der Custos schützt die fragile Balance zwischen Überkomplexität und Simplifikation.

Seine Verantwortung gilt nicht dem Objekt allein, sondern den Bewegungen, die ein Objekt ermöglicht oder verhindert.

Der daedalische Custos entwirft keine totale Transparenz; er artikuliert Zonen abgestufter Lesbarkeit.

Er sorgt dafür, dass die Welt Widerstand leisten darf, ohne unzugänglich zu werden.

Aus dem von Univ.-Prof. Dr. phil. Vera Bühlmann zur Vorbereitung des Symposiums verfassten Text.

Aus der Diskussion: Entwerfen unter veränderten Wissensbedingungen

„Möchten Sie auch etwas hinzufügen zu dem Thema?“ Auf diese ausdrückliche Einladung der Moderation erweitert Frau Bühlmann die Frage nach KI um eine kulturphilosophische Dimension. Sie begrüßt die Einordnung in längere Entwicklungslinien. Zugleich beschreibt sie die Größenordnung des Wandels durch einen Vergleich mit der Einführung der Null und den damit verbundenen Neuordnungen von Wissen und gesellschaftlichen Verhältnissen.

Für die Architekturtheorie rückt dadurch das Verhältnis von Technik, Kunst und Wissen in den Vordergrund. Frau Bühlmann hebt ein Denken des Entwurfs und der Architektonik hervor, das mit Abstraktionen arbeitet. Ihre Antwort führt damit die im Vortrag entwickelte Frage weiter, wie unterschiedliche Wissensordnungen in Beziehung treten und neue Denkräume eröffnen können.

Optimismus erscheint in diesem Zusammenhang als anspruchsvolle geistige Tätigkeit. Er verlangt, neben notwendiger Kritik mögliche Szenarien zu entwerfen und dafür geeignete Formen zu erarbeiten. Den Hochschulen schreibt Frau Bühlmann dabei einen öffentlichen Auftrag zu: Sie sollen Zeit für solche Erkundungen bereitstellen, ohne jede Überlegung sofort auf eine verwertbare Lösung festzulegen. Frau Bühlmann verbindet den technischen Wandel damit mit der Frage, welche Freiräume Forschung und Entwurfslehre brauchen.

Ausgewählte Gedanken und Wortmeldungen aus der Diskussion I – Theorie und Grundlagen um 12:00 Uhr.

Zum Referenten

Univ.-Prof. Dr. phil. Vera Bühlmann
Technische Universität Wien

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