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28.02.2026
  • Architektur Verantwortung Revidierbarkeit Über Bedingungen Wirkungen und die Grenzen des Setzens

Essay

Architektur, Verantwortung, Revidierbarkeit – Über Bedingungen, Wirkungen und die Grenzen des Setzens

Architektur ist Verantwortung – weil sie bleibt.
Diese Setzung ist bewusst stark formuliert. Sie insistiert darauf, dass Architektur sich nicht nach Gebrauch, Interpretation oder Mode auflöst. Gebaute Entscheidungen wirken fort – materiell, räumlich, sozial –, lange nachdem ihre Urheber abwesend sind. Verantwortung ist in diesem Sinne untrennbar mit Dauer verbunden.

Eine jüngste Replik von Achim Lohse schärft diese Position, indem sie den Fokus von der Dauer auf die Revidierbarkeit verschiebt. Sein Argument negiert Verantwortung durch Bestand nicht, sondern präzisiert sie unter Bedingungen von Unsicherheit. Diese Verschiebung ist kein Widerspruch, sondern eine notwendige Erweiterung. Sie legt eine Spannung offen, die Architektur nicht durch Vereinfachung auflösen kann: Verantwortung verlangt sowohl Setzung als auch die Fähigkeit zur Korrektur.

Wird Architektur als Produktion von Bedingungen verstanden und nicht als Hervorbringung von Objekten, lassen sich ihre Wirkungen nicht deterministisch fassen. Architektur bestimmt Verhalten nicht, sie biasiert es. Sie verändert Wahrscheinlichkeiten von Wahrnehmung, Bewegung, Interaktion und Aufmerksamkeit. Wirkungen sind weder beliebig noch absolut. Sie sind kontingent und zugleich strukturell beeinflusst. Verantwortung verlagert sich damit von Kontrollbehauptungen hin zur Frage nach der argumentativen Nachvollziehbarkeit von Wirkungen.

Verantwortung gründet folglich nicht in Gewissheit, sondern in Begründbarkeit. Architektonische Wirkung muss kontrafaktisch denkbar bleiben: Es muss vorstellbar und untersuchbar sein, dass andere räumliche Setzungen andere Erfahrungen und Handlungen wahrscheinlicher gemacht hätten. Ohne diese kontrafaktische Struktur bleibt der Wirkungsbegriff rhetorisch. Gefordert ist kein naturwissenschaftlicher Beweis, sondern eine Triangulation von Evidenzen: phänomenologische Beschreibung, sozialpraktische Beobachtung und physikalisch-technische Parameter müssen in Beziehung gesetzt werden. Verantwortung beginnt dort, wo Wirkungen diskutierbar werden.

An diesem Punkt wird Dauer ambivalent. Bestand stabilisiert Entscheidungen – und stabilisiert zugleich Irrtümer. Die ethische Frage lautet daher nicht, ob Architektur bleiben soll, sondern unter welchen Bedingungen dauerhafte Setzungen angesichts einer offenen Zukunft legitim sind. Revidierbarkeit erscheint hier nicht als ästhetische Vorliebe für das Temporäre, sondern als ethische Kategorie zweiter Ordnung. Verantwortung betrifft nicht nur was gesetzt wird, sondern wie irreversibel diese Setzung angelegt ist.

Damit verschiebt sich der architektonische Ethikbegriff. Verantwortung erschöpft sich nicht in Reduktion, Klarheit oder formaler Zurückhaltung. Diese Strategien können Lesbarkeit und Argumentierbarkeit erhöhen, garantieren jedoch keine zukünftige Angemessenheit. Eine reduzierte Ordnung kann ebenso Ausschluss stabilisieren wie eine expressive Form. Entscheidend ist nicht Neutralität – sie ist unmöglich –, sondern die Lesbarkeit der Mittel und die Zugänglichkeit von Alternativen. Architektur wird problematisch nicht durch Einfluss, sondern durch Einfluss, der sich der Kritik entzieht.

In dieser Perspektive stehen Dauer und Revidierbarkeit nicht gegeneinander, sondern in produktiver Spannung. Bestimmte architektonische Setzungen erfordern Bestand: Sicherheit, Orientierung und kollektive Nutzbarkeit lassen sich nicht permanent provisorisch denken. Zugleich birgt jede materialisierte Setzung die Gefahr, gegenwärtige Wertvorstellungen zu verabsolutieren. Die ethische Aufgabe besteht daher nicht im Verzicht auf Setzungen, sondern in der Integration von Nicht-Wissen in den Akt des Entwerfens.

Architektur ist weder Objekt noch bloße Atmosphäre, sondern ein relationales Dispositiv: ein Gefüge aus Materialitäten, Schwellen, Rhythmen, Grenzen und Übergängen, das Weltzugänge strukturiert. Verantwortung operiert innerhalb dieses Gefüges. Sie verlangt, dass Mittel lesbar bleiben, Wirkungen argumentierbar und Konsequenzen – wo möglich – revidierbar.

Diese Überlegungen schwächen die Ausgangsthese nicht. Sie präzisieren sie. Architektur ist Verantwortung – weil sie bleibt. Doch Bestand allein genügt nicht. Was bleibt, muss auch antwortfähig bleiben. Verantwortung ist nicht die Gewissheit des Setzenden, sondern die Disziplin dessen, der zukünftige Infragestellung mitdenkt.

Architektur schafft keine Gewissheiten. Sie schafft Bedingungen, unter denen sich künftig bessere Urteile bilden lassen. Darin liegt ihre anspruchsvollste Form von Verantwortung.

— Felix Schwake

 

Dieser Essay antwortet auf und erweitert einen kürzlich erschienenen Beitrag von Achim Lohse über Architektur als Bedingung, Wirkung und Revidierbarkeit.

 

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