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01.01.2026
  • Architektur ist Verantwortung weil sie bleibt Ueber Ort Raum und den Entwurf als Erkenntnis Prof Felix Schwake

Essay

Architektur ist Verantwortung – weil sie bleibt. Über Ort, Raum und den Entwurf als Erkenntnis.

Architektur wird heute häufig als dekorative Optimierung verstanden: Räume sollen gefallen, Oberflächen ansprechen, Interieurs Stimmung erzeugen. Diese Sicht reduziert Gestaltung auf Geschmacksverwaltung und entzieht ihr Verantwortung. Architektur ist keine ästhetische Dienstleistung. Architektur setzt Bedingungen und prägt Dispositionen; sie eröffnet und begrenzt Handlungsmöglichkeiten, ohne Verhalten vollständig zu bestimmen. Wahrnehmung, Verhalten und Handlung entstehen im Zusammenspiel von gebauten Strukturen, kulturellen Praktiken und individueller Urteilskraft.

Ort und Raum sind zu unterscheiden und untrennbar verbunden:

  • Ort beschreibt, was ist: gebaute Struktur, Ordnung, Geometrie, Statik, Fügung, Materialität. Diese Ebene ist quantifizierbar und dauerhaft.
  • Raum beschreibt, wie es sich anfühlt: Atmosphäre, Licht, Akustik, Haptik, thermische und olfaktorische Qualitäten — die Qualia der Erfahrung. Diese Ebene ist nicht unmittelbar messbar, aber nicht beliebig.

Architektur gestaltet Orte, um Räume hervorzubringen. Ein Ort ist kein Behälter, in den Leben einzieht; er setzt Leben in Gang, indem er Nähe oder Distanz erleichtert, Prozesse beschleunigt oder entschleunigt, Aufmerksamkeit öffnet oder erschwert. Präzise formuliert: Entscheidungen über den Ort verändern die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wahrnehmungen und Handlungen im Raum; sie stiften Lesbarkeit und Orientierung, ohne Gewissheiten zu erzeugen. Wenn Architektur als Oberfläche oder Interieur als Stilhandlung verstanden wird, verliert die Disziplin ihren Gegenstand. Gestaltung wird dann zur Verwaltung von Vorlieben. Genau dort beginnt der Verlust der Profession.

Begreift man Architektur als Bewusstseinsraum, verschiebt sich der Fokus: Gestaltung wird geprüft, nicht bewertet. Projekte sind keine Produkte, sondern Untersuchungen des Zusammenhangs von Ort und Raum. Sie fragen, unter definierten Bedingungen, wie Setzungen am Ort die erlebte Qualität des Raums wahrscheinlicher machen. Sie testen, wie Objekte Handlungsangebote strukturieren. Sie prüfen, wie Reduktion Komplexität lesbar macht, statt sie zu kaschieren. Ziel ist nicht, etwas „schön“ zu machen, sondern Evidenz für Wirkungen herzustellen, die Verantwortung tragen.

Reduktion ist keine ästhetische Attitüde, sondern eine Entscheidung zur Aufmerksamkeitslenkung am Ort, damit im Raum die Aufgabe sichtbar wird. Nicht die „Abwesenheit von Form“ wirkt, sondern die bewusste Formentscheidung, die Salienz verschiebt: vom Objekt zur Nutzung, von der Oberfläche zur Ordnung. Das optimale Reizniveau ist situationsabhängig; Reduktion ist kontextgebunden und dient der Lesbarkeit.

Die Lehre folgt derselben Haltung. Sie ist kein Versprechen, keine Werbung, kein Rekrutierungsinstrument, sondern eine Setzung. In der Ausbildung geht es nicht um das Erlernen eines Stils oder die Anwendung von Methoden zur Herstellung attraktiver Resultate, sondern um die Fähigkeit, die Konsequenzen räumlicher Entscheidungen zu begreifen. Der Entwurf wird nicht als Produktion, sondern als Erkenntnis verstanden. Das Projekt ist kein Beleg für Fähigkeiten, sondern ein Evidenzverfahren. Die Arbeitsweise folgt einer klaren Ordnung: Sprache → Kunst → Architektur. Analog beginnen, um Urteilskraft durch leibliche Erfahrung zu schärfen (Berührung, Licht, Material, Maß, Zeichnung, Modell); digital präzisieren, um die am Ort getroffenen Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Studenten lernen, Verantwortung und Lesbarkeit vor Attraktivität zu priorisieren.

Auch im Kleinen gilt dieser Anspruch. Ein Möbelstück ist kein Objekt im Raum, sondern Raum im Maßstab des Körpers. Es verlangt Anthropometrie, Ergonomie und Nutzungsvariabilität, damit es Handlungsangebote eröffnet statt verengt. Eine Oberfläche ist kein Finish, sondern eine Wahrnehmungsstrategie über alle Sinne: visuell, haptisch, akustisch, thermisch, olfaktorisch. Entscheidungen am Ort (Material, Textur, Fügung) prägen die Atmosphäre des Raums. Nicht die Form wirkt isoliert, sondern die Konsequenz ihrer Zurücknahme und die Lesbarkeit der Ordnung.

Dieser Ansatz ist weder spektakulär noch gefällig. Er orientiert sich nicht an Trends, Bedürfnissen nach emotionalem Design oder dem Wunsch nach schnellem Wiedererkennungswert. Er sucht nicht Zustimmung. Er priorisiert Verantwortung vor Attraktivität, ohne Ästhetik als Erkenntnismodus auszuschließen. Architektur ohne Ornament ist keine nostalgische Rückkehr zu alten Dogmen; sie ist die Entscheidung, die Verantwortung des Raums vor die Zeichenhaftigkeit seiner Erscheinung zu stellen. Ornament, Symbolik und Materialsemantik können tragfähig sein, wenn sie Lesbarkeit, Orientierung und Aufgabe stützen — nicht wenn sie sie überdecken.

Räumliche Steuerung berührt Macht, Teilhabe und Zumutbarkeit. Wer Nutzungen strukturiert, beeinflusst Zugang und Verhalten. Darum gilt: Zielklarheit der intendierten Wirkung, Transparenz der Mittel, Evaluation der Nebenfolgen, Vermeidung von Manipulation, Zugänglichkeit für unterschiedliche Nutzergruppen. Architektur soll ermöglichen, nicht verbergen; orientieren, nicht beherrschen.

Es gibt keinen Call to Action. Keine Einladung, „mitzumachen“. Keine Aufforderung zur Kontaktaufnahme. Wer diesen Ansatz teilt, wird ihn wiedererkennen, wenn er ihm begegnet. Wer ihn ablehnt, hat Gründe. Beides ist in Ordnung. Wichtig ist, dass die Disziplin wieder einen Begriff von sich selbst gewinnt: Architektur ist Verantwortung — weil sie bleibt. Sie gestaltet Orte, die Räume hervorbringen. Architektur schafft nicht Kulisse für das Leben. Sie setzt die Bedingungen, unter denen Leben möglich wird.

– Felix Schwake

 

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